Was die Namenswahl bei der Heirat mit Feminismus zu tun hat

Ausgelöst von einem Zeitartikel läuft gerade wieder eine Debatte über die Namenswahl bei der Heirat im Internet. Worum es geht: nur 18% der Frauen behalten nach einer Heirat ihren alten Namen.

Wie so ziemlich jeder Artikel zu diesem Thema, den ich in den letzten Jahren gelesen habe, ruft auch dieser die immergleichen Reaktionen hervor: ganz viele Frauen berichten, dass sie gute Gründe dafür hatten, dass sie nach der Heirat den Namen ihres Mannes gewählt haben. Manche hängen dann noch an, nach der Heirat den eigenen Namen zu behalten, das sei doch überhaupt nichts feministisches (Christine Linke) oder erklären ihre Entscheidung, den „Vaternamen“ abzulegen, als emanzipatorischen Akt (Sibel Schick in der taz).

Was ich in der ganzen Debatte aber vor lauter Einzelschicksalen vermisse, ist eine klare Analyse der Kosten, die eine solche Namensänderung mit sich bringt.

Nach der Hochzeit ist derjenige Partner, der seinen Namen wechselt, erstmal ganz schön beschäftigt. So ein Namenswechsel ist Arbeit: Ein neuer Personalausweis muss beantragt werden, andere Ausweise müssen geändert werden, Banken, Versicherungen, Ärzte, Freunde, Kollegen benachrichtigt werden, E-Mail-Accounts und Social-Media-Accounts umbenannt, Domain-Namen wechseln usw. und so fort (hier eine Checkliste). Schwierig abzuschätzen wieviel, aber da gehen diverse Stunden Arbeit drauf. Erfahrungsberichte von Paaren, die sich diese Arbeit partnerschaftlich geteilt haben und gemeinsam den Formularberg abgearbeitet haben, an dieser Stelle herzlich willkommen – aber meine Vermutung ist: Die meisten Frauen machen diese Arbeit alleine.

Unbezahlte Mehrarbeit, mehrheitlich von Frauen verrichtet. Natürlich völlig freiwillig. Klingelt da was?

Gut, aber das ist nur eine einmalige Arbeit. Irgendwann ist auch der größte Formularberg abgearbeitet. Kommen wir zum zweiten Punkt, dem meiner Meinung wesentlich erheblicheren Grund, warum das Behalten des eigenen Namens sehr wohl was mit Feminismus zu tun hat.

Wenn ein Unternehmen seinen Namen wechselt, gibt es üblicherweise entweder gute Gründe dafür („Wie hieß nochmal dieser zwielichtige Waffen-Lieferant?“) oder gute Gründe und ein erhebliches Werbe-Budget, um den Namenswechsel bekannt zu machen („Raider heißt jetzt Twixt“). Da hat man jahrelang investiert, um Kunden zu werben und eine Marke bekannt zu machen… Bei einem Namenswechsel ist das alles erstmal weg.

Menschen sind keine Unternehmen, aber auch ihr Name ist etwas wert. Dazu muss man nicht mal JournalistIn oder SchriftstellerIn sein. „Wie hieß nochmal die Mitarbeiterin, die da letztes Jahr so gut XY gemacht hat? Frau S., hm, im Firmenverzeichnis nicht mehr auffindbar, muss wohl ausgeschieden sein.“ Tja, Frau S., die jetzt Frau T. heißt, das wäre Ihr Ticket zur Beförderung gewesen. Unrealistisch? Wenn derjenige es Ernst gemeint hätte, hätte er genauer nachgefragt und Frau T. über Nachfrage in ihrer Abteilung doch gefunden? Möglich. Oder auch nicht. Meiner Erfahrung nach sind es so kleine Ereignisse, die Lebensläufe bestimmen können und plötzlich die Chance auf irgendetwas eröffnen.

Wer seinen Namen ändert, macht sich unsichtbar. Was man vorher im Leben geschafft hat, das war in den Augen der Außenstehenden jemand anderes. Die Doktorarbeit hat jemand anderes geschrieben, den Vortrag auf Konferenz XY hat jemand anderes gehalten, das tolle Projekt hat jemand anderes organisiert.

In Einzelfällen mag ein Namenswechsel tatsächlich Gewinn bringen, aber in der Mehrzahl der Fälle ist er ökonomisch betrachtet ein Verlustgeschäft. Ein Verlust an persönlichem Kapital, an Chancen und Möglichkeiten.

Rein rational also eine völlig unsinnige Entscheidung. Und damit passt die Namensaufgabe wunderbar in die Liste von Problemen, deren Bekämpfung sich der Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat:
* Warum studieren mehrheitlich Frauen brotlose Fächer wie Germanistik statt gesuchter und gut bezahlter wie Maschinenbau und Informatik?
* Warum bleiben mehrheitlich Frauen zuhause/arbeiten Teilzeit und lassen den Mann Karriere machen?
* Warum machen sich Frauen mit Highheels die Füße kaputt?
* Warum pflegen mehrheitlich Frauen die ältere Generation?
* Warum erziehen mehrheitlich Frauen nach der Scheidung in prekären Umständen die Kinder?

„Alles individuelle Entscheidungen“, sagt da der Zeitartikel-Kommentator. „Kann man nix machen. Selbst schuld, wenn sie so blöd sind“.

„Struktureller Sexismus“, sagt die Feministin. Aber das sind gleich zwei Fremdwörter auf einmal und natürlich schwerer zu verstehen.

Hab ich noch was vergessen? Achja, meinen revolutionären, feministischen Vorschlag zur Namenswahl. Ich finde, Paare sollten die Wahl haben zwischen drei Optionen:

  1. Beide behalten ihren Namen
  2. Der Standesbeamte betätigt einen Zufallsgenerator, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 18:82 den Namen des Mannes bzw. der Frau zurückgibt (die Wahrscheinlichkeiten werden der jeweils aktuellen Verteilung angepasst)
  3. Beide wählen gemeinsam einen völlig neuen Namen

 

 

 

 

 

 

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